Jetzt, wo wir schon quasi gar nicht mehr da sind, wollen wir euch noch mal mit ein paar interessanten Informationen über Honduras versorgen, damit ihr „dort drüben über‘n Teich“ mal ein Gefühl für dieses Land bekommt, das jetzt 3 Monate lang unser Zuhause war. Natürlich haben wir unsere persönlichen Erfahrungen dabei mit ein paar wissenswerte Zahlen und Fakten aus unserem allwissenden Reiseführer untermauert – da der von 2008 ist, sind alle folgenden Zahlen dementsprechend auch aus diesem Jahr.
Um mit dem Grundsätzlichen anzufangen: Honduras liegt ziemlich genau in der Mitte von Mittelamerika (nennt sich deswegen auch gerne selber „el corazón de América“ – „das Herz Amerikas“), hat eine Fläche von 112.493km² und liegt klimatechnisch in den Tropen, was wiederum bedeutet, dass die Tagestemperaturen stark schwanken, die Durchschnittstemperatur im Jahresverlauf jedoch fast konstant und nie unter 18°C liegt. Dies ist die Vorraussetzung für tropischen immergrünen und halbimmergrünen Regenwald, der ursprünglich das ganze Land und jetzt nur noch einen Teil davon überziehen. Es gibt zwei Jahreszeiten: Trockenzeit und Regenzeit, die je nach Region unterschiedlich lange dauern. Von diesen Regionen gibt es grob gesehen 3 – das zentrale Hochland (das 82% der Landesfläche ausmacht und in dem sich auch der Hogar San Rafael befindet) sowie das karibische und das pazifische Tiefland. Der höchste Berg Honduras‘ ist der Cerro las Minas mit 2849m Höhe, der längste Fluss ist der Río Patuca von 340km Länge. 5,5% des Landes sind Naturschutzgebiete. Zu den zahlreichen Mikroklimazonen des Landes gehören unter anderem die Kiefernwälder des Hochlandes (in denen sich der Hogar befindet), Bergnebelwälder, Regenwälder (und mit der Miskitia im Osten das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet Mittelamerikas), Feuchtsavannen, Mangrovensümpfe, Trockenwälder, Trockensavannen, Lagunen sowie Korallenriffe. Diese facettenreichen Ökosysteme bieten unzähligen (auch vielen vom Aussterben bedrohten) Tieren und Pflanzen Lebensraum – etwa Gürteltieren, Faultieren, Ameisenbären, Tausendfüßlern, Vogelspinnen (deren Bisse entgegen aller Vorurteile aber nur etwa die Wirkung von Bienenstichen haben), Skorpionen, Quallen, Krebsen, Hummern, Riff- und Walhaien, Schildkröten, Leguanen, Krokodilen, Basilisken, Seekühen, unzähligen Schlangenarten, Königsgeiern, Vampirfledermäusen, dem Quetztal-Vogel, Kolibris, Eisvögeln, verschiedenen Raubkatzen-, Beuteltier- und Affenarten, Fledermäusen und auf Seite der Pflanzen eine große Artenvielfalt von Orchideen (der Nationalblume von Honduras), vielzählige Aufsitzerpflanzen, Louisiana-Moos (eine fusselige graugrüne Pflanze, die sich mit großer Vorliebe auf Stromleitungen ansammelt) sowie zahlreiche Nutzpflanzen wie etwa Baumwolle, Kautschuk, Kaffee, Kakao, Bananen, Avocado, Papaya, Mango, Wassermelone, Kokus, Guanabana, Maracuya, Tamarinde usw. Einige dieser Arten sind so selten, dass sie tatsächlich nur in Honduras vorkommen.
Honduras hat 7,6Mio Einwohner, mit einer Bevölkerungsdichte von circa 60 Menschen pro km², von denen etwa 53% auf dem Land leben. Die Landessprache ist Spanisch, daneben werden aber auch noch indigene Sprachen gesprochen. Die größten Städte sind die Hauptstadt Tegucigalpa (1Mio Einwohner), San Pedro Sula (600.000) und La Ceiba (150.000) – ein honduranisches Sprichwort sagt, in Tegucigalpa arbeiten die Leute, in San Pedro verdienen sie ihr Geld und in La Ceiba geben sie es aus.
Nachdem das heutige Honduras schon seit etwa 12.000 Jahren (nicht etwa erst seit der „Entdeckung“ durch die Spanier im 16. Jahrhundert) von Menschen besiedelt ist, sind heute mit 90% die größte Bevölkerungsgruppe die sogenannten Mestizen (Nachfahren der Mischlingen von Mayas und spanischen Eroberern – mir ist trotz langen Überlegungen kein weniger rassistisch klingender Weg eingefallen, dieses Wort zu erklären, das eigentlich schon an sich einen Rassismus als Grundlage hat), dazu kommen mit etwa 2% Anteil an der Gesamtbevölkerung die Garífunas (spanisch sprachige farbige Kariben) und eine ganze Reihe indianischer (oder politsch korrekter: indigener) Gemeinschaften der inídgenas wie den Miskito, den Sumu Tawahka, den Pesch, den Lenca, den Chortí, den Jicaque oder Tolupane etc., die alle in verschiedenen des Landes leben, einige von ihnen mitten im unzugänglichen Regenwald im Osten Honduras. Diese indigenen Gemeinschaften haben feine lange Leidensgeschichte hinter sich, angefangen bei der Unterdrückung durch die eindringenden Spanier und verheerende, durch diese Eroberer eingeschleppte Masern- und Grippenepedemien, gefolgt durch katholische Missionierung und die Versklavung durch die Engländer und schließlich mündend in die politische Unterdrückung der indígenas im 20. und 21. Jahrhundert, was schlechte soziale und gesundheitliche Versorgung der Gemeinden, Arbeitslosigkeit sowie mangelnden oder keinen Zugang zu Bildung (im Falle der Sumu Tawahka etwa sind 96% der Männer und alle Frauen Analphabeten) zur Folge hat und wogegen die mittlerweile zahlreichen indigenen Verbänden nach wie vor vehement protestieren.
Die Währung Honduras ist der Lempira, ein Lempira ist etwa 4 Eurocent wert, 25 Lempira entsprechen einem Euro. 100 Centavos ergeben einen Lempira, diese Münzen sind jedoch relativ selten, weil sie einen so niedrigen Wert haben, dass sie kaum benutzt werden – dementsprechend läuft man in Honduras immer mit einem dicken Geldbeutel voller bunter, abgegriffener Scheine herum, die insgesamt jedoch selten mehr als 10 Euro wert sind. Dafür kann man sich immer wieder über die Angewohnheit einiger Vorbesitzer der Geldscheine amüsieren, die Einkaufsliste gleich auf dem dafür vorgesehenen Geld zu schreiben.
40% der Erwerbspersonen sind arbeitslos oder unterbeschäftigt, von den 60% der Erwerbstätigen verdienen die Meisten nur den Mindestlohn von umgerechnet etwa 100 US-Dollar (1.800 Lempira, also rund 72 Euro). In Honduras leben zwischen 35 und 40% der Bevölkerung unter der absoluten Armutsgrene, haben also weniger als umgerechnet einen US-Dollar (18 Lempira) pro Tag zur Verfügung und gelten damit nach UNO-Definition als extrem arm. 60% der Bevölkerung gelten als relativ arm, verdienen also weniger als die Hälfte des nationalen Durchschnittseinkommens. 1,5Mio Menschen in Honduras hungern, 800.000 Kinder sind fehl- oder unterernährt.
Das Bruttoinlandsprodukt verteilt sich sehr ungleich. Die schmale Oberschicht von etwa 100.000 Honduranern häuft durch politischen und wirtschaftlichen Einfluss und Großgrundbesitz Vermögen an. Die dünne Mittelschicht von etwa 300.000 Honduraner besteht aus Angestellten in der Stadt, Arbeitgebern in Kleinbetrieben oder Besitzer von Viehzuchtbetrieben und können sich eine Mehr-Zimmer-Wohnung sowie ein Auto leisten. Alle anderen gehören zur Masse der Armen – eine Ungerechtigkeit, die zumindest die armen Bauern auf dem Land, die campesinos, ein wenig abfedern können, indem sie Subsistenzwirtschaft betreiben, also die Grundnahrungsmittel wie Reis, Bohnen, Mais und Maniok für den Eigenkonsum anbauen und trotz unproduktiver Anbauweisen und schlechtem Ackerland so überleben können.
Diese verzweifelte Lage der Armen hat auch mit der außenwirtschaftlichen Orientierung Honduras zu tun, die sich, durch die wirtschaftlich einflussreiche Oberschicht geführt, auf den Export anstatt auf die Eigenversorgung der Bevölkerungsmehrheit konzentriert. Wertvolles Ackerland wird dem Anbau von Grundnahrungsmitteln für die Bevölkerung zugunsten der Produktion von Exportmitteln entzogen. Die wichtigsten Exportprodukte Honduras‘ sind: Bananen, Kaffe, Rindfleisch und Schalentiere, sowie Kleidung als vorherrschendes Industrieprodukt.
Offiziellen Statistiken zufolge sind 97% der Honduraner katholisch, auch wenn der tatsächliche Anteil weit darunter liegen dürfte, da schon laut einer Umfrage 2005 nur 50% eine katholische Kirche besuchen. Insbesondere in den von extremer Armut betroffenen Bevölkerungsteilen haben neu-protestantische Kirchen großen Zulauf. Diese sind keinesfalls mit der evangelischen Kirche in Deutschland gleichzusetzen – meistens handelt es sich dabei um fundamental-religiöse Sekten, nicht wenige davon ultra-konservativ und finanzkräftig von den USA unerstützt, wie etwa die Methodist, Church of God, Seveth Day Adventist oder Assemblies of God. Die Führer dieser Kirchen lassen sich meist in abgelegenen Gemeinden nieder – wie etwa in El Venado in unserer direkten Nachbarschaft – und bieten mit Hilfe eines riesigen Aufgebots an Lautsprechern und hetzerischen Reden Konkurrenzveranstaltungen zu den Gottesdiensten und Feierlichkeiten der katholischen Gemeinde an, was leider großen Zulauf findet, wie wir selber schon bei Besuch eines Gottesdienstes in El Venado beobachten konnten. Andere sich ausbreitende Gruppen sind aber auch Scientology und die Zeugen Jehovas. Erst letzte Woche hatte ich im Bus ein ziemlich anstrengendes Streitgespräch mit einem Vertreter der Zeugen, der mir zum Schluss, als ich schließlich aussteigen musste, zu meiner Belustigung versicherte, wenn ich mich in Deutschland an einen Vertreter der Zeugen Jehovas wenden würde, der mir das Ganze in meiner Sprache erklären könnte, bestände durchaus noch Hoffnung für meine arme Seele.
Da die Angehörigen der schmalen Ober- und Mittelschicht und somit auch die Mächtigen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die die Geschicke des Landes bestimmen, quasi ausnahmslos Katholiken sind, ist die herrausragende Stellung der katholischen Kirche in Honduras dennoch nach wie vor ungebrochen. Das zeigt vor allem auch in den vielen Festlichkeiten etwa zur Osterwoche, zu der in vielen Städten aufwendige Prozessionen durchgeführt werden.
In Honduras liegt die Lebenserwartung inzwischen immerhin bei bis zu 71 (Frauen) und 67 (Männer) Jahren. Die Säuglingssterblichkeit ist mit 25 pro 1000 Geburten jedoch nach wie vor hoch. Fast die Hälfte der Honduranischen Bevölkerung leidet an Fehl- und Unterernährung. Das führt vor allem bei den zahlreichen Kindern zu schwerwiegenden und nicht wieder aufholbaren Schäden in der körperlichen und seelischen Entwicklung.
Das Gesundheitswesen in Honduras ist bestenfalls als löcherig zu bezeichnen, vor allem auf dem Land fehlt es an allen Ecken. Hier sind die Menschen meist auf Gedei und Verderb auf die unregelmäßig auf die größeren Gemeinden verteilte,n schlecht ausgestatteten Hospitäler oder Gesundheitszentren (in El Venado ist das nächste von uns aus gesehen, dort versorgen zwei Krankenschwestern alle Leute des Umlandes) angewiesen, in denen gut ausgebildetes Personal absolute Mangelware ist, spezielle Medikamente völlig fehlen und man für eine Operation wochen- und monatelang auf eine Warteliste gesetzt wird. Nur etwa 6% der Bevölkerung haben eine offentliche Krankenversicherung. In den größeren Städten gibt es für alle, die es sich leisten können, ärztliche Versorgung in privaten Praxen und Krankenhäusern, der Gipfel des Luxus ist es jedoch, für eine Behandlung in die USA oder nach Kuba zu fahren.
Etwa 80% der Honduraner können lesen und schreiben, der Anteil der Analphabeten ist jedoch auf dem Land und unter den indigenen Bevölkerungsgruppen sehr viel höher. Das konnten wir auch bei unseren Hausbesuchen bei den Schulkindern feststellen, deren Eltern zumeist entweder gar keine oder nur ein- oder zwei Jahre Grundschulbildung genossen hatten und deswegen ihren Kindern nicht bei den Hausaufgaben helfen konnten oder, noch schlimmer, den Sinn und Zweck von Schule und Hausaufgaben gar nicht erst begreifen wollten. Dementsprechend schlecht steht es um die allgemeine Schulbildung der Kinder in Honduras: Nicht einmal die Hälfte der Schüler schließt die 6-jährige Grundschulausbildung ab, nur 24% gehen auf die weiterführende Gesamtschule und nur 15% können die Universität besuchen. Obwohl der Besuch der rund 8000 staatlichen Grundschulen kostenlos ist, können es sich viele Eltern der armen Landbevölkerung aufgrund der Kosten für Schulmaterial und Schuluniform (in der Regel bestehend aus dunkelblauer Hose / Rock und weißem Hemd) nicht leisten, ihre Kinder zur Schule zu schicken, zumal diese auch zu Hause als Arbeitskräfte gebracht werden, weswegen gerade zur Erntezeit die Zahl der Schulschwänzer sprunghaft anzusteigen pflegt. Zudem ist die Lernsituation gerade auf dem Land in den staatlichen Schulen katastrophal – es unterrichten überwiegend unterbezahlte Lehrer ohne spezielle Ausbildung vor Klassen von zum Teil über 40 Kindern und in allen Jahrgänge. Gerade auf dem Land sind die Schulen chronisch unterbesetzt, weil niemand bereit ist, für den geringen, vom Staat garantierten Mindestlohn (5.000 Lempira – umgerechnet etwa 200 Euro) in den oft nur zu Fuß zu erreichenden, von jeder Infrastruktur abgeschnittenen Bergdörfern zu unterrichten. Diese reellen Probleme treffen auch auf die Schule im Hogar zu, da diese ja ebenfalls vom Staat getragen wird, der wie überall auch hier für rund 100 Kinder in 6 Jahrgangsstufen nur 3 Lehrerstellen bewilligt.
Wie alle Lateinamerikaner sind auch die Honduraner unglaublich Musikbegeistert, und zwar in jeder Hinsicht und jeder Stilrichtung. Mit einem angeborenen Rythmusgefühl, über das ein Deutscher nur staunen kann, fangen bei jeder sich bietenden Gelegenheit von den Kleinsten bis zu den Greisen alle an, frei Schnauze zu tanzen und laut mitzusingen. Ein vor allem auf den Straßen in den Stadtzentren findet sich ein traditionelle Instrument Honduras‘, die Marimba, eine Art riesiges Holzxylophon, das so groß ist, dass es von mehreren Spieler gleichzeitig gespielt werden kann. Außerdem gibt es, wie schon in Mexiko die Mariachis, kleine Combos, die mit Gitarre, Akkordeon und romantischem Tenorgesang in der Fußgängerzone oder in Restaurants für Stimmung sorgen. Besonders populär und typisch für Honduras ist die schnelle, rythmische Punta-Musik der Garífunas, die vor allem mit Trommeln, Rasseln und verschiedenen Schlaginstrumenten, aus Schildkrötenpanzern, getrockneten Kürbissen oder großen Meerschnecken gespielt wird – darin sind auch die Garífunas aus dem Hogar, vor allem Mario, besonders begeistert, und immer wenn sich die Gelegenheit dazu gibt, legt er auf der Trommel los und macht ordentlich Stimmung. Aber auch andere lateinamerikanische Stile wie Merengue, Salsa und selbstverständlich Raggeaton (ja, davon ist leider auch Honduras nicht verschon geblieben) aber auch die aktuellen Hitlisten aus den USA, und dabei vor allem Songs von Shakira, dröhnen überall aus den Lautsprechern in den Läden, auf dem Mercados und in den Bussen, Motorradrikschas und Sammeltaxis.
Das Bevölkerungswachstum in Honduras liegt bei (aus Deutscher Sicht) sagenhaften 2% im Jahr, weswegen gut die Hälfte der Honduraner unter 16 Jahre alt ist. Hochschwangere Frauen, Säuglinge und Kinder sieht man hier überall und zu jeder Tageszeit, schon kleinste Kinder werden nahtlos in den Alltag integriert, auch erst wenige Tage alte Säuglinge werden überall hin mitgenommen – sei es zum Einkaufen, in die Kirche, zum Elternabend der Schule oder zu Festlichkeiten in der Gemeinde. Das muss auch so sein, denn in Honduras bekommt jede Frau im Schnitt zwischen 3 und 4 Kindern, und auf dem Land zum Teil noch bedeutend mehr – so haben wir allein im Hogar schon 3 Gruppen von 3 oder 4 Brüdern, Angelo hat neben seinen beiden Brüdern, die auch im Hogar leben, noch 6 weitere Geschwister, und auch nicht wenige der Kinder der Schule haben zwischen 5 und 7 Geschwistern. Dabei bekommt jede vierte Frau ihr erstes Kind noch vor Vollendung des 19. Lebensjahres, und nicht wenige davon sind erst 12 oder 13 Jahre alt – was nicht zuletzt auch darauf zurück zu führen ist, dass das Thema Sex und Verhütung noch immer in den meisten Familien ein absoluten Tabuthema ist und junge Mädchen, wenn sie den Mut aufbringen, Fragen zu stellen, sich eher eine Ohrfeige als wirkliche Hilfe einhandeln. Fehlende Bildung, mangelnde Aufklärung und fehlender Zugang zu Verhütungsmitteln führt dazu, dass viele junge Frauen alleinerziehend und in bitterer Armut und gesellschaftlich geächtet für ihre Kinder sorgen müssen.
Hinzu kommt der Machismo der Männer, die sich oft genug ihr Recht zum sexuellen Verkehr herausnehmen, der Frau jede Selbstbestimmung entziehen, ohne jedoch die Konsequenzen zu tragen. Zudem ist die Abtreibung in Honduras nach wie vor illegal ist, die trotzdem unprofessionell durchgeführten Schwangerschaftsabbrüche führen nicht selten zum Tod der Frau. Aus diesem Grund greifen viele Frauen, vor allem auf dem Land, zu drastischen Methoden – die Sterilisierung ist die häufigste Form der Verhütung. Nicht nur die unerwünschte Schwangerschaft, sondern auch die Übertragung des HIV-Virus ist in den letzten Jahren durch das rücksichtslose Verhalten der Männer zu einem großen Problem geworden. Nach offiziellen Angaben sind 2% der Bevölkerung (nach realistischeren Schätzungen jedoch eher zwischen 4 und 6%) sind mit dem Aids-auslösenden HI-Virus infiziert, zusätzlich gibt es rund 17.500 Aidswaisen – damit ist Honduras das am stärksten von Aids betroffene Land Mittelamerikas.
Nichtsdestotroz wird das polygame Verhalten der Männer im ganzen Land weitgehend toleriert: ¼ der Bevölkerung lebt in ehelosen Lebensgemeinschaften, was meistens bedeutet, dass der Mann zahlreiche Nebenfrauen hat und mit diesen nicht selten mehrere Kinder zeugt. So müssen 20% aller Frauen allein, ohne staatliche oder private Unterstützung für den Unterhalt der Kinder sorgen. Dadurch entsteht eine Doppelbelastung, da sie neben dem Haushalt und der Kinderbetreuung auch noch arbeiten müssen, obwohl ihr Einkommen meist deutlich geringer ist als das der Männer und vor allem in den Maquilas (Fabriken der Kleidungsproduktion) Schwangerschaft meist Jobverlust bedeutet. Das diese unzumutbare Belastung unweigerlich auf Kosten der Kinder geht, zeigt drastisch das Beispiel von Lesther, eines der Jungen des Hogars und Bruder von Angelo. Seine Mutter betreute neben ihren eigenen 10 Kindern noch 3 Kinder ihrer Schwester und versuchte, ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von selbstgebackenem Brot zu erkämpfen. Um genug Brot produzieren zu können, band sie den kleinen Lesther schon kurz nach seiner Geburt in einer kleinen Holzkiste fest, damit er sich nicht losstrampeln konnte, da sie neben ihrer Arbeit keine Zeit hatte, auf ihn aufzupassen. Als Lesther vor einigen Jahren mit etwa 11 Jahren zusammen mit drei seiner Geschwister in den Hogar San Rafael kam, konnte er kaum laufen, bewegte sich nur auf allen vieren voran und konnte nicht sprechen. Heute ist Lesther 15, er kann dank hingebungsvoller Fürsorge der Erzieher aufrecht laufen, mit Besteck umgehen und einige Worte sagen, er lacht viel und wirkt glücklich. Dennoch ist er geistig behindert, kann sich kaum verständigen, ist nach wie vor in seinen motorischen Fähigkeiten stark beeinträchtigt und wird es sein Leben lang schwer haben, sich irgendwie durchzuschlagen – und wenn man seine Geschichte kennt, fragt man sich unweigerlich, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn er von Anfang an die Fürsorge bekommen hätte, die jedes Kind verdient.
Trotz den Schatten, die der Machismo nach sich zieht, werden nach wie vor schon Kleinkinder sogar noch viel mehr als in Deutschland, in die spezifischen Geschlechterrollen gezwängt. Kleine Mädchen bekommen schon wenige Wochen nach der Geburt Ohrringe gestochen, werden vom Säuglingsalter an (sofern die Familie es sich leisten kann) wie Puppen in rosafarbene, mit Rüschen besetzte Kleidchen gesteckt, tragen viel häufiger Röcke und Kleider als in Deutschland und so gut wie nie feste Schuhe, sondern überwiegend möglichst mit Strass besetzte Sandalen und viel zu früh hohe Absätze. Für Mädchen und Frauen gilt es vor allem auf dem Land noch als unumstrittenes Schönheitsideal, die Haare so lang wie möglich zu tragen – so unpraktisch das bei der schlechten hygienischen Situation auch sein mag. Tatsächlich lassen sich viele Frauen nur einmal im Jahr die Haare um ein paar Millimeter schneiden, und zwar genau 6 Monate vor Weihnachten am 24. Juni, dem Día de San Juan (Sankt Johannes), da dann die Haare schneller nachwachsen sollen – am selben Tag bescheidet man übrigens auch Obstbäume, damit sie im nächsten Jahr mehr Früchte tragen. So gut wie keine honduranische Frau kann Auto fahren, das ist Männersache – da machen nicht einmal die sehr emanzipierten Erzieherinnen des Hogars eine Ausnahme, für Fahrten in die Dörfer oder hinunter in die Stadt muss immer Marvin, der Lehrer Fredy, der Erzieher Geovanni oder Rapha als Fahrer herhalten. Auch sind nur 7% der Abgeordneten und Bürgermeister sind weiblich.
Laut dem Gesetz sind Frauen und Männer in Honduras gleichberechtigt, die Realität sieht anders aus.
Trotz allem brauchen die Honduraner, wenn man sie erst mal selber trifft, meist nicht lange, um Herzen im Sturm zu erobern. Das mag an ihrer für europäische Verhältnisse unbegreiflichen Ruhe und Gelassenheit liegen, die sie jede Unannehmlichkeit, bei der ein Deutscher unweigerlich an die Decke gehen würde, etwa Stromausfälle, fehlendes Wasser, den ausfallenden 10-Uhr-Bus und die Fahrt im dadurch heillos überfüllten nächsten Bus um 2 Uhr einfach mit einem Schulterzucken und einem gleichgültigem Lächeln hin. Wenn es dagegen einen Grund zur Freude gibt, und sei es nur die persönliche Lieblingsmahlzeit oder eine Fahrt auf der Ladefläche des schicken neuen Pickups, wird dies vor allem von den Jungs des Hogars mit ausgelassenem Freudengeschrei, Fußgetrampel und Pfeifen quitiert, wie man es in Deutschland maximal im Fußballstadion finden mag. Diese grundpositive Einstellung der Leute hier einfach allem gegenüber macht das Leben unter Honduranern zu einer wunderbaren Erfahrung. Zudem sind Honduraner einfach unglaublich fürsorglich und gastfreundlich – so wird jeder Schnitzer in der Spanischen Sprache mit einemgutmütigen Lächeln hingenommen; als uns in den ersten Tagen unsere Sachen fehlten und ich schon in Raphas Klamotten herumlief, bot mir die Erzieherin Nora, obwohl sie mich gar nicht kannte, sofort an, mir ihre Kleidung zu leihen; bei Festen werden wir als Ausländer immer als erstes besonders gründlich bewirtet; in jeder der bitterarmen Familien, die wir in den letzten Wochen besuchten, wurde sofort von irgendwoher eine Sitzgelegenheit für uns herangeschafft; die Köchin Alejandrina zweigt für mich, weil ich mal erwähnt habe, dass ich ihr süßes Frühstücksgebäck besonders gerne mag, immer mal wieder eine Extra-Macheteada ab und als der Erzieher Geovanni eines Mittags merkte, dass für uns Vegetarier nichts zum Essen dabei war, stellte er sich ohne ein Wimpernzucken sofort selber an den Herd um uns persönlich etwas zu kochen. Gegenüber dieser ungewohnten, fast mütterlichen Fürsorge von allen Seiten fühlt man sich als Europäer manchmal direkt ein bisschen hilflos. Außerdem neigen Honduraner, vor allem in Briefen und Mails, zu einer sehr blumigen, poethischen und ausgiebig mit christlichen (und dabei durchaus ernst gemeinten) Floskeln versehenen Redeweise – „Möge deine Familie durch Gottes Barmherzigkeit gesegnet werden“ am Ende einer Mail zum Beispiel klingt hier nicht etwa schrullig, sondern gehört zum guten Ton. Was noch ein sehr markanter Unterschied von Honduranern im Vergleich zu Deutschen ist, ist das unstillbare Bedürfnis von Honduranern nach Kommunikation und sozialer Nähe. So halten sie es zum Beispiel nicht aus, im Bus einfach still neben einem Fremden zu sitzen, ohne sich mit ihm zu unterhalten – was einen als Europäer anfangs ein wenig überrumpeln und sogar misstrauisch machen kann (wie etwa die alte Frau, mit der Rapha und ich uns gleich am erste Tag in Honduras fast eine Stunde lang unterhielten, während wir am Flughafen darauf warteten, abgeholt zu werden), ist jedoch durchaus sehr sympathisch, wenn man sich mal dran gewöhnt hat. Dieses Bedürfnis nach sozialem Kontakt ist wohl auch der Grund, warum es Honduraner schaffen, mit einfachen Mitteln aus der kleinsten Angelegenheit (einem Geburtstag, Muttertag oder der Abschied von zwei gewissen Freiwilligen) eine Party zu machen, bei der es auf jeden Fall immer für alle etwas zu essen, Eis oder Kuchen und Limonade gibt- und außerdem, wenn die Zeit dazu bleibt, Spiele, fröhliche Punta-Musik und die Gelegenheit zum Tanzen – fast nie dagegen Alkohol (zumindest gilt das für den Kreis der Mitarbeiter des Hogars). Insgesamt sind die Menschen hier einfach unglaublich freundlich und warmherzig, und wir wissen jetzt schon sicher, wie schwer es uns fallen wird, diese neuen Freunde am Ende der Woche zu verlassen.