Einmal Mexiko und Zurück

Am Montag ging es los um 3:30 Uhr morgens ließen wir uns vom Hotel aus zum Flughafen Internationalen Flughafen San Pedro Sula bringen. Das hört sich erstmal nach einem großen Flughafen an aber in Wirklichkeit ist es eigentlich nur ein Gebäude ca. so groß wie zwei Sporthallen. Neben den Fluggesellschaften gibt es eigentlich nur noch einen Wendy’s (Der größten Fast-Food-Kette von Honduras) einen Bankschalter und einen Souvinierladen. Insgesamt also sehr sehr langweilig. Und auf diesem Flughafen mussten wir dann 3 ½ Stunden warten leider ohne Frühstück auch auf dem Flug nach Miami der trotz des angekündigten Wirbelsturms sehr ruhig blieb blieb unser Magen leer.
Der Flughafen in Miami ist natürlich nicht mit San Pedro Sula zu vergleichen. Sehr Auffällig sind zu erst mal natürlich die um ein vielfaches erhöhten Sicherheitsvorkehrungen. An Jeder Ecke steht ein Officer und Zeitweilig halten sie sogar Leute an um sie zu fragen woher sie kommen und was sie gemacht haben. Die passierte auch uns. Und dann ging es natürlich an die „Immigration“, denn auch wenn man nur im Transit über einen Amerikanischen Flughafen fliegen will muss man trotzdem diese wirklich lächerlichen Visaanträge ausfüllen. Doch da es durch den Hinflug nicht das erste Mal war konnte Eva sogar einer älteren Dame aus Kuba bei diesem Antrag helfen.
Nachdem wir also durch den Big Brother Teil durchgelaufen sind waren wir endlich in den Warte-hallen. Dort bekamen wir einen ersten Eindruck was uns demnächst in Deutschland begegnen wird. Was wir von den letzten Monaten nur noch aus mexikanischen und honduranischen Shoppingmalls kannten war hier die Regel. Auf hochglanzpolierte Läden für Reiche. Da wir schon sieben Stunden auf den Beinen waren, aber noch nichts gegessen haben machten wir es uns auf einem der Food-Courtage gemütlich und saßen bei einer 10 US$ Pizza (lange nicht mehr so teuer so wenig gegessen) die nächsten 5 ½ Stunden dort rum.
Bemerkenswert war für mich das die Englische Sprache in Miami gar nicht mehr so nervenaufreibend klang, zumindest nicht wenn keine Touristengruppen mit gleichen T-Shirts an uns vorbei liefen. Gut zu wissen das sich diese Abneigung auch wieder legen wird.
Am späten Nachmittag ging es dann Endlich weiter nach Mexiko. Ziemlich geschafft von der Reise sind wir um 12:30 Nachts also ca. 20 Stunden nach beginn der Reise nur noch ins Taxi und dann in unser „Stammhostel“ gefahren.
Nachdem wir dann am nächsten Tag ausgeschlafen hatten sind wir dann nach Atlixco gefahren. Nach eine kleinen Spaziergang und einem „Frühstück“ am Zocalo fühlten wir uns dann bereit ins IPO zu fahren. Durch das lange Ausschlafen war es gerade Mittagszeit als wir im Ipo ankamen.
Die erste und auffälligste Veränderung war erstmal das der Zentral-platz (welcher als Kinderspielplatz geplant war) relativ fertig gestellt war. Mitten drauf saßen gerade die Direktoren Paco und Nacho mit einer Gruppe unter der neuen Überdachung und führten eine Wein- und Käseverkostung durch.
Zuerst gingen wir zu meinem Haus (San Pablo) und begrüßten die Jungs und Chio die gerade am Essen waren. Außerdem war noch Jannika da, Die Volontärin die „kurz“ vor meiner Abreise angefangen hat. Um nicht zu sehr beim Essen zu stören sind wir dann auch bald weiter nach San Juan gegangen, (zur Erinnerung das Haus von Eva mit den ganz Kleinen). Beim durchs Fenster gucken war es für San Juan Verhältnisse eigentlich viel zu ruhig, denn alle saßen ganz friedlich am Tisch, doch das änderte sich nach der Sichtung von Eva schlagartig! Sofort sprangen einige der Kinder auf und rannten zur Tür. Nach einigen Minuten Begrüßen schafften wir es auch endlich die Voluntäre zu begrüßen und es gab eine Überraschung. Während klar war das Valerie nach San Juan gewechselt ist trafen wir auch Franky wieder. Vielleicht erinnert sich jemand Franky hat im letzten Jahr mit Eva in San Lukas zusammen gearbeitet. Zu seinen Semesterferien ist er ins IPO zurückgekehrt und arbeitet derzeit in San Juan.
Da wir auch in San Juan eindeutig den normalen Tagesablauf ein wenig gestört haben sind wir dann auch wieder raus damit doch noch das Haus geputzt werden konnte. Wir machten erstmal einen kleinen Rundgang über das Gelände und bemerkten währenddessen das sowohl die alte Schreinerei wie auch der Basketball platz hinter San Lukas abgerissen worden war. Wie sich herausstellte erst am Wochenende zuvor. Außerdem wird gerade die alte Bibliothek umgebaut um die Büroräume dorthin zu verlegen und anschließend in den Büroräumen ein Padagogig-Bereich zu machen.
Während unserem Rundgang begrüßten wir dann auch die beiden Direktoren die immer noch mit der Käse und Wein Verkostung beschäftigt waren. Auch die anderen verbliebenen Erzieher begrüßten wir während des Rundgangs und mussten feststellen das Lino uns gegenüber immer noch ziemlich kalt und abweisend ist und Quique (Kike) Eva immer noch mit „hija“ also Tochter anspricht.
Was zwar vorher abzusehen war mich aber trotzdem sehr freut war das Miguel unser Vorzeigejunge aus San Pablo nach 2 Monaten San Lukas inzwischen sogar in San Markus lebt als auch weiter aufgestiegen ist.
Währenddessen hat die Arbeitsstunde angefangen und wir sind zwischen den verschiedenen Arbeitsstationen hin und her gelaufen. Angefangen bei den Hortalizas (Agrabau) über die Cabras bis hin zu den Schweinen (wo ich ja auch 3 Monate gearbeitet habe). Die Kurz vor unserer Abreise gekauften Ferkel sind inzwischen ziemlich Groß und leben auch wieder getrennt.
Nach diesem kleinen nostalgischem Rundgang sind wir dann zu Valerie in die Papeleria gegangen um von ihr den neuen Ipo-tratsch zu hören. Wir bekamen mit war so alles Passiert ist und auch das zwei Voluntäre aus den USA in der letzten Woche aus unterschiedlichen Gründen Ipoderac vorzeitig verlassen müssen. Scheinbar ist doch nicht allen Freiwilligen klar das man für einen Freiwilligendienst zumindest ein bestimmtes geistiges Alter besitzen muss.
Nach einigen Stunden ging es dann auch schon ans Verabschieden, denn wir mussten ja auch noch nach Puebla kommen. Zuerst bei San Juan. Trotz der sehr kurzen Zeit im Ipo (nur einige Stunden) wollten die Kinder Eva schon wieder nicht gehen lassen und der Abschied war sehr herzlich. Wenn auch für Eva ein bisschen traurig das sie nicht viel Zeit mit den Kleinen verbringen konnte war es für die Kinder vermutlich besser um die ständigen Wechsel der Bezugsperson nicht zu verschärfen. Auch sehr schade für Eva war das Angelika derzeit nicht im Ipo ist da sie irgendwas für ihren Uniabschluss zu Regeln. Nach dem Abschied in San Juan ging es dann nach San Pablo zu Chio.
Chio hat für die drei Monate die wir in Honduras waren zwei von unseren Koffern gebunkert. Sehr schön war das wir mit ihr ein bisschen Zeit hatten zu plaudern. Scheinbar ist ihr Haus das sie mit ihrem Lebensgefährten David teilt endlich fertiggestellt, wer sich erinnert David war vorher in San Pedro Erzieher und hat im Ipo auf für einige Probleme gesorgt. Das wurde auch von Rocio kritisch beobachtet und sie meinte das er durch seine neue Arbeit sehr viel ruhiger geworden ist. Scheinbar ist sie auch froh das er den Job gewechselt hat. Er hält jetzt Vorlesungen an der Uni arbeitet also mit Erwachsenen, welche sich hoffentlich besser mit ihm auseinandersetzen können wie die kleinen aus San Pedro.
Wir konnten dann auch erfahren das Jannika auch in ihre Rolle als Volontärin rein gewachsen ist und wie sich die Jungs zum Teil zum guten und zum Teil zum schlechten weiterentwickelt haben. Insgesamt war das Gespräch für mich mitunter das wichtigste bei der Rückkehr ins Ipo.
Eine kleine Anekdote noch, Ceasar ein ganz lieber kleiner aus San Pablo hat in der Gegenwart der neuen Jungs im Haus so oft von mir gesprochen das die neuen Jungs ihm tatsächlich glaubten das ich sein Onkel sei.
Mit unseren Koffern sind wir dann nach einer letzten Verabschiedung von Valerie zum Bus gegangen verfolgt von einer Horde San Juaneros fest entschlossen uns aufzuhalten, und einem Franky entschlossen die kleinen aufzuhalten.
Glücklicherweise sind wir dann 30 Sekunden bevor der abendliche Regen angefangen hat in den Bus nach Puebla eingestiegen.
Den Abend ließen wir dann noch ruhig ausklingen fest entschlossen zu einem Puebla Stadtrundgang am nächsten Tag.
Dieser sollte sich durch die Abreisevorbereitungen aber dann doch auf den Nachmittag verschieben. An diesem Stadtrundgang konnten wir uns dann noch ein letztes mal Puebla anschauen und bisschen durch die Stadt schlendern die uns auf jeden Fall ein bisschen zur Heimat geworden ist.

Am Abend sind wir dann noch ein bisschen Blind ins Kino gelaufen. Da wir gar nicht wussten war lief sind wir hin und haben uns angeschaut was läuft nach Ausschluss ganz vieler Filme haben wir uns dann Karten für „Kick Ass“ gekauft. Der eigentliche Blind-kauf der Tickets entpuppte sich dann zu einer super Idee. „Kick Ass“ nimmt sehr schön Supermann und Co. auf die Schippe und währenddessen werden auch die Rollenbilder ein bisschen über Kopf geschmissen. Insgesamt einer der sehr guten Actionfilme.
Heute ging es dann nach langem ausschlafen und den letzten Reisevorbereitungen zum Flughafen nach D.F. Unsere Überpünktlichkeit wurde dann für uns zum Vorteil. Nach drei Stunden warten durften wir dann unter den ersten unseren Boardingpass abholen und konnten quasi in letzter Sekunde die Sitze so umbuchen das wir zusammen Sitzen.
Derzeit sitzen wir also im Flughafen Benedito Juarez in Mexiko D.F. und holen unsere Blogs nach. Wünscht uns eine Gute Reise auch wenn die Blogs erst erscheinen wenn wir zumindest in Amsterdam sind.

¡Corazón catracho!

Unsere allerletzte Woche im Hogar San Rafael verging wie im Flug – kein Wunder, wir hatten ja schließlich auch nach wie vor alle Hände voll zu tun. Bis Dienstag hatte ich es endlich (kaum vergehen mal 4 Wochen Arbeit…) geschafft, die Bibliothek des Hogars fertig auszumisten, aufzuräumen, zu putzen, die Bücher nach Titel, Autor, Verlag und Erscheinungsjahr aufzulisten, mit Registernummern zu versehen und sinnvoll in den Regalen zu ordnen sowie die Spiele zu reparieren und ebenfalls aufzulisten. Das zufriedenstellende Ergebnis: Eine picobello auf Hochglanz polierte Bibliothek mit einem neu eingerichteten Regal nur für Spiele und Spielzeug, das direkt an der Tür steht, damit die Kinder sich auf der Suche nach den Spielen nicht mehr durch die ganze Bibliothek wühlen und dabei die Bücher durcheinander bringen müssen und gut 70 Seiten niegelnagelneues Bibliotheksregister.
Gleich am Mittwoch nutzten wir drei diese Gelegenheit, den beträchtlichen Berg an Müll, den wir aus der Bibliothek herausgeschafft hatten (alte Kartons, zerfledderte, nur noch halb vorhandene Bücher ohne Einband, zur Gänze vollgekritzelte Malbücher und Hefte, Zeitungspapier usw.) zusammen mit unserem, sich zugegebener Maßen schon seit einiger Zeit anhäufendem Müll in den Wald des Hogargeländes im crematorio (wobei es sich im Wesentlichen um eine flache, sandige Kuhle handelt) in einem Freudenfeuer zur Feier der geschafften Arbeit zu verbrennen. Das war nicht etwa eine freakige Idee von uns dreien, das ist in Honduras normal – da es (außer in den großen Städten) keine Müllabfuhr gibt, wird der Müll einfach an einer Stelle gesammelt und in regelmäßigen Abständen verbrannt. Aber auch sonst hat man in Honduras eine andere Einstellung gegenüber Müll als in Europa: Während bei uns jedes Fitzelchen sorgfältig in Bio-, Plastik-, Papier-, Rest- und Sondermüll getrennt und peniebel darauf geachtet wird, dass kein Kaugummipapier und kein Zigarrettenstummel irgendwo anders als im zugehörigen Mülleimer landet, schmeißt man hier einfach alles zusammen und verbrennt es, und wenn man grad seine Limonade aufgetrunken oder sein Kaugummi ausgewickelt hat, schmeißen viele ihren Müll einfach dort hin, wo sie grade stehen oder, falls man gerade im Bus unterwegs ist, aus dem Fenster. Das liegt zum einen daran, dass es quasi keine Mülltrennung und auch keine Recyclinganlagen gibt, man in den Straßen selten einmal Mülleimer sieht und wohl generell einfach das öffentliche Bewusstsein bezüglich Umweltbelastung durch Müll noch völlig fehlt. Dies ist übrigens besonders im Falle ausgespuckter Kaugummis besonders lästig, da diese sich hier nicht etwa einfach nach einiger Zeit festtreten wie in Deutschland, sondern durch die Hitze und die Luftfeuchtigkeit auch noch nach Wochen weich und klebrig sind und hervorragend an Schuhsohlen und, hat man sich einmal durch Unachtsamkeit auf eins drauf gesetzt, besonders hartnäckig an Jeansstoff kleben bleiben.

Aber auch mit den zu renovierenden Freiwilligenquartieren sind wir mit Feuereifer wunderbar voran gekommen, auch wenn wir zwischendurch ein paar Maul ungeplant noch mal zum Farbenhändler nach Villanueva fahren mussten, um falsche Farbtöne umzutauschen und Nachschub zu holen, weil das zweite Quartier trotz gleichem Grundriss mehr Wandfläche zum streichen hatte. Nachdem wir drei als semiprofessionelle Maler uns die größte Mühe gegeben hatten, die unebenen, unverputzten Wände aus bloques (aus Beton gegossene große Quarder, die in Honduras überall zum Hausbau benutzt werden, da sie billig sind) so schön wie möglich zu streichen (wozu wir mehrmals sehr aufwändig mit einem ganz feinen Tuschpinsel nacharbeiten mussten), kann sich das Ergebnis wirklich sehen lassen. Das eine Quartier strahlt in fröhlichen Orange- und Gelbtönen, das andere in verschiedenen, frischen Blautönen – womit sich der Wohnlichkeitsfaktor der beiden Zimmer ungefähr vom Fabrikhallenflair auf Wohnzimmeratmosphäre gesteigert hat. Die nächsten Freiwilligen können kommen! :)

Derart beschäftigt, wussten wir kaum, wie uns geschah, als es am Donnerstag auch schon an an den Abschied von den Mitarbeitern ging. Dazu fuhren wir alle eng gepackt im Auto nach Villanueva und zwar – zur Überraschung von uns dreien – zum Haus von Don Javier, einem Mitglied der Führungsjunta des Projekts. Hier wurden wir alle fürstlich mit einem großen Buffett verschiedener (und zu unserer noch größeren Überraschung bis auf eine Ausnahme durchgehend vegetarischer) Köstlichkeiten versorgt, wonach ein anschließendes, ausgeprägtes Fresskoma kaum zu vermeiden war. Hier kosteten wir auch erstmals die berühmten chancletas („Latschen“), eine bestimmte Frucht, deren Namen ich leider wieder vergessen habe, deren hartes Fruchfleisch herausgeschabt, püriert, mit Gewürzen und Käse vermischt und wieder in die Fruchtschale gefüllt und anschließend gebacken wird – lecker!
Obwohl das Ganze bestimmt lieb gemeint war, hatte es jedoch aufgrund der feinen Umgebung in Don Javiers Wohnzimmer und den in Don Javiers Gesellschaft immer unvermeidlichen Fachsimpeleien über die Finanzlage des Hogars (Don Javier als Bankfachmann leitet die Geldgeschäfte des Hogars) hatte der Abend leider eher die Atmosphäre eines Geschäftsessens als eines warmen Abschieds von Freunden, und nach dem Essen dauerte es auch nicht lange, bis sich die Gesellschaft wieder auflöste.

Am Freitag dann ging es auch schon daran, von den Erziehern, die gegen Mittag fürs Wochenende nach hause fuhren, Abschied zu nehmen – was zwar ausnahmslos herzlich ausfiel, in den meisten Fällen aber schnell und schmerzlos vorbei war, bevor wir überhaupt die Tragweite dieser letzten Umarmung begriffen.
Und dann ging es auch schon daran, das letzte Mal mit dem alten, klapprigen weißen Pickup die externen Schulkinder auf der Ladefläche nach hause in ihre Dörfer zu fahren. Die Kinder nahmen dabei den Abschied ganz unterschiedlich auf, einige stürmten einfach wie immer gleich nach hause, andere versuchten, den Anlass zu nutzen, um um ein „Abschiedgeschenk“ zu betteln, einige standen nur schüchtern daneben und wussten nicht recht, was sie von dem Ganzen halten sollten, einige sahen fröhlich dem Wagen nach und winkten unter lautem „adios“-Geschrei, und einige bestanden wie kleine Kinder auf ihre letzte Umarmung und einige, wie die kleine Lourdes, wünschten uns viel zu erwachsen viel Glück und ermahnte uns, gut auf uns aufzupassen – ganz so, also verstünde sie mit ihren 11 Jahre bereits, wie viel mehr sie im Grunde von den Gefahren und Hindernissen in der Welt weiß als wir.
Und schon fuhren wir zum letzten Mal die holprige Sandpiste nach San Isidro hinunter, warteten wie immer, bis in El Venado die immerselbe kleine Schweinefamilie mit den 10 bunt gescheckten Ferkeln vor uns die Straße überquert hatte, umkurvten kunstreich ein Stück weiter oben ein junges, Milchkaffebraunes Kalb, das, von seiner geduldigen Mutter bewacht, mitten auf der Straße zusammengerollt ein Schläfchen hielt, bewunderten noch ein Stück weiter oben noch einmal das in der letzten Woche geborene Fohlen mit dem leuchtend weißen Kopf, das von seinem Besitzer ein blaues Hundehalsband als Wiedererkennungszeichnen umgebunden bekommen hatte, bewunderte ganz oben wehmütig ein letztes Mal die atemberaubende Aussicht über die Urwaldbewucherten Täler unter uns, fuhren zum letzten Mal durch die engen und aberwitzig steilen Straßen San Isidros und warteten auf dem Rückweg geduldigt, bis sich die Kuhherde vor uns endlich für eine Straßenseite entschieden hatte.
Von dem etwas unterkühlten Abend bei Don Javer immer noch ein wenig enttäuscht, waren wir umso überraschter, als sich herausstellte, das Marvin zusammen mit den älteren Jungs noch eine zweite Abschiedfeier, diesmal im Hogar im Kreise der Kinder auf die Beine gestellt hatte. Nach dem Abendessen leiteten zwei der ältesten Jungs wie Showmaster durch ein selbsterdachtes Programm, angefangen – in Honduras unvermeidlich – mit einem Gebet im Stuhlkreis. Danach wurde den Jungs Zeit gegeben, um etwas zum Abschied zu sagen, und wo sich in Deutschland wohl kein pubertierender Junge freiwillig in den Kreis gestellt hätte, um aus dem Stegreif etwas zu sagen, überraschten uns die Hogarjungs und auch die anwesenden Mitarbeiter mit zahlreichen, spontanen und zum Teil echt rührenden kleinen Reden, in denen sie uns für unsere Arbeit dankten, an schöne Momente erinnerten und uns für die Heimreise und die Zukunft alle Gute wünschten. Danach mussten natürlich wir zwei etwas sagen, und von der ganzen liebevoll vorbereiteten Vorstellung noch ziemlich überrumpelt und gerührt, stammelten wir umgekehrt auch ein paar Dankes- und Lobworte, die insgesamt aber wohl den Kern getroffen haben müssen, jedenfalls wurden sie mit wohlwollendem Beifall quittiert. Anschließend wurde mit allen das auf honduranischen Parties unumgängliche Spiel „la papa caliente“ gespielt – was ungefähr genauso läuft wie die deutsche Version der „Heißen Kartoffel“: Ein Gegenstand wird bei lauter Musik solange schnell im Kreis herumgereicht, bis die Musik stoppt und bei wem die „Heiße Kartoffel“ gerade ist, der muss in die Mitte und eine Aufgabe erfüllen – was in Honduras meistens bedeutet, dass derjenige mit jemand anderes ein Lied lang etwas vortanzen oder mittels Hinternwackeln möglichst komplizierte Wörte in die Luft schreiben muss. Danach gab es dann einen Tanzwettbewerb, bei dem Rapha und ich unter den ansonsten mangels Mädchen ausschließlich rein männlichen Paaren mit einem gekonnten Discofox sogar den 2. Platz ergatterte. Danach gab es (um Streitigkeiten von vornherein zu vermeiden vorher von uns in Becher abgezählte) Süßigkeiten und fresco (Erfrischungsgetränk) für alle – letzteres meiner besonderen Vorliebe wegen aus echter Tamarinde (eine tragische Vorliebe übrigens, denn weder gibt es Tamarindo in Deutschland zu kaufenk, noch darf ich Tamarindo-Samen nach Deutschland einführen, noch würde ein Tamarindobaum bei den eisigen Temperaturen überhaupt wachsen). Während sich alle an den Leckereien gütlich taten, weiter fröhlich zur lauten Latinomusik tanzten und die Kleinen so langsam ins Bett geschickt wurden, verabschiedeten wir drei uns vorzeitig von der trauten Runde – wir waren schließlich noch woanders eingeladen.
Und so fuhren wir kurzfristig doch noch mal hoch nach San Isidro, diesmal allerdings das erste Mal in stockfinsterer Dunkelheit – was das Sicherheitsgefühl auf den steilen, schmalen, kurvigen, holprigen Straßen übrigens nicht eben steigert. In einer besonders engen und steilen Straßen hielten wir dann an, um Dinora zu besuchen, eine der Erzieherinnen, die uns eingeladen hatte. Wir wurden mit frischem Maracuyasaft bewirtet, durften Mauricio Rafael, den kleinen Sohn Dinoras noch einmal sehen (ein super süßes Baby, an dem vor allem Rapha einen Narren gefressen hat – und das übrigens eine so ausgeprägte und witzige Mimik hat, dass jeder professionelle Pantomime vor Neid erblassen würde). Dann enthüllte sie uns auch den Grund, warum wir noch mal vorbei kommen sollten: Ihr Mann hatte extra für uns zwei Flaschen Guiffiti besorgt – jenes berühmt berüchtigten Schnapses, der von den Garífuna mit Rum und verschiedenen Kräutern gebraut wird und angeblich jeden von den Socken reißen soll. Dankbar nahmen wir dieses Geschenk an, und obwohl wir nicht lange blieben (schließlich war es schon 10 Uhr abends – also für honduranische Verhältnisse schon längst Schlafenszeit, auch am Wochenende), fiel der Abschied sehr warm und herzlich aus. Bei der nächtlichen Ankunft im bereits tief schlummernden Hogar bewunderten wir ein letztes Mal das Schauspiel der Leuchtkäfer, die bestimmte Bäume im Hogar wie eine märchenhaft kitschige Weihnachtsbeleuchtung zum Strahlen bringen.

Am Samstag dann ging alles auf einmal ganz schnell, ruckzuck waren die letzten Sachen im Rucksack verstaut, der Müll weggebracht, das Zimmer noch mal gefegt, unsere Sachen auf der Ladefläche von Marvins Pickup verpackt und schon waren wir unterwegs, um uns von den einzelnen Jungs zu verabschieden. Das fiel zwar nett und herzlich aus, jedoch nicht so tränenreich und tragisch wie im IPO – was wohl daran liegt, dass wir mit den Kindern des Hogars nicht so eng zu tun hatten wie dort, was für die Jungs wohl letztendlich genau der letztendlich vorprogrammierten Trennung wegen besser ist. Kaum hatten wir’s uns versehen, saßen wir auch schon eng gepackt mit Sebastian und Marvins ganzer Familie im Pickup und fuhren zum letzten mal die Sandpiste die Berge hinunter nach Villanueva. Hier verabschiedeten wir uns von Gladis, Marvins Frau und mittlerweile einer guten Freundin von uns, und ihrer kleinen, 5-jährigen Tochter Gissel, während die 11-jährigen Zwilligen Brayan und Adiel uns bis nach San Pedro begleiten durften. Hier machten sie sich auch gleich nützlich, als sie uns halfen, unser Gepäck auf das Hotelzimmer zu bringen – wobei sie völlig außer sich vor Begeisterung zum allerersten Mal Fahrstuhl fahren durften. Danach ging es mit Marvin und seinen Jungs zum Kunstmercado San Pedros, wo wir ein paar letzte Souveniers besorgten und anschließend alle gemeinsam ein letztes Mal ganz Honduranisch im Mercado zu Mittag aßen. Danach mussten wir uns leider auch schon von Marvin, unserem so zu sagen besten und zuverlässigsten Freund in Honduras und den Zwillingen, die vor allem mir sehr ans Herz gewachsen sind, verabschieden – allerdings nur mit dem festen gegenseitigen Versprechen, regelmäßig zu schreiben.
Danach ging es zu einer etwas verspäteten Aktion, bei der wir mit dem Taxi zum Planetarium mit angeschlossenem Kindermuseum San Pedros fuhren, um dort Karten für Marvin und seine Familie zu kaufen – bei einem unserer ganz ersten Fahrten nach San Pedro hatte Marvin uns einmal beiläufig erzählt, dass er mit seiner Familie gerne einmal dorthin gehen würde, es aber bisher einfach nicht geschafft hat. Sebastian bekam den Auftrag, unser kleines verspätetes Abschiedgeschenk an Marvin zu überreichen.
Nach einem letzten (das musste einfach sein) gemeinsamen Doughnut bei DunkinDonuts ging es dann auch an den letzten Abschied – von Sebastian, unserem Mitfreiwilligen für drei Monate, mit dem wir jeden Frust, jeden Ärger, jede Freude und jeden Erfolg und sehr, sehr viele Doughnuts und Bananenchips geteilt haben. Da wir ihn aber ja spätestens in zwei Monaten, wenn er auch wieder in Deutschland ist, wiedersehen, viel uns dieses Adios um einiges leichter als das von unseren Honduranischen Freunden.
Und so waren wir schneller als es uns eigentlich lieb war wieder nur zu zweit unterwegs und fühlten uns nach den vergangenen 3 Monaten honduranischer Gastfreundschaft glatt ein bisschen einsam und ziemlich nostalgisch ob der schönen, ereignisreichen, fröhlichen Zeit in diesem kleinen Land im Herzen Amerikas, die jetzt schon wieder vorbei ist, kaum dass sie richtig angefangen hat. Aber uns ist auch klar: Wir verlassen zwar das Land, aber trotzdem schneiden wir uns ein großes Stück von dieser wunderbaren Kultur ab – wir haben gelernt, wie man sich trotz aller Widrigkeiten Ruhe, Gelassenheit und gute Laune bewahrt, wie man Freude an den Kleinen Dingen findet, wie man ohne großen Luxus aus kommt und wie man vor Freude und Begeisterung laut schreit und das Wichtigste von allem: Wir haben viele neue Freunde gefunden – irgendwie bleiben wir wohl im Herzen ein bisschen Honduranisch und bewahren uns unser „corazon catracho“. :)

San Rafael im Fernsehen!

Nachdem vor einigen Wochen ein Fernsehteam im Hogar war und ein wenig gefilmt hat, gibt es den Beitrag des Honduranischen Fernsehens über den Hogar jetzt auch auf Youtube anzuschauen. Alles natürlich nur auf Spanisch, aber die Bilder vom Zentralen Platz des Hogars, des Comedors, des Gebäudes der Erzieher und vor allem der Jungs und Lety, einer Erzieherin sind gut geworden! Für alle die es interessiert, das Video „HOGAR SAN RAFAEL CENTRO DE REABILITACION A MENORES EN RIESGO SOCIAL.“ bei Youtube suchen oder http://www.youtube.com/watch?v=2aeki6kQ5gQ ins Adressfeld kopieren (hier einen Link einzufügen hat irgendwie leider nicht geklappt).

Copán: Kulinarische und Kulturelle Höhenflüge!

Am letzten freien Wochenende in Honduras haben wir beschlossen, die Honduranische Kulturstädte überhaupt zu besuchen! Copán, der Name spricht für sehr viel was Honduras zu bieten hat, denn in Copán steht nicht nur eine sehr große Maya-Siedlung, sondern über das Gebiet Copán sind überall auch noch kleinere Mayastädten verteilt. Außerdem werden in diesem Gebiet sehr viele Exportprodukte produziert, wie zum Beispiel Kaffee und der Tabak für honduranische Zigarren.
Doch eigentlich waren die Maya Ruinen der Anlass zu unserer Reise. Los gehen sollte es am Freitag, denn eigentlich sollte es in Villanueva ein Fest geben, welches den ganzen Morgen über dauern sollte, und eigentlich wollten wir danach direkt los fahren. Doch als wir uns dann sehr früh morgens fertig gemacht hatten, bekamen wir doch noch einen Anruf, dass die Feier nicht stattfindet. Also ging es ein schon wenig später, noch früher wie geplant runter nach Villanueva und dann über San Pedro Sula nach „Copán Ruinas“. Copán Ruinas ist eigentlich ein kleines Dorf und hat nicht viel mehr als ein paar hundert Einwohner, doch durch den Tourismus ist es für honduranische Verhältnisse sehr reich und schön. Ein bisschen erinnerte es uns an einige Mexikanische Städte wie zum Beispiel San Cristóbal, denn die Kolunialbauten waren weitestgehend erhalten und der Zocálo (in Mexico der gepflegteste Bereich der Stadt, in Honduras dagegen meist nur eine Betonfläche) war sehr schön und begrünt und alle Läden mit hübschen Holzschildern versehen. Auch war von der penetranten Werbung, die sonst in allen Städten von Honduras das Bild prägt, nicht viel zu sehen.
Da Copán nur aus einigen und noch dazu schönen Straßenzügen besteht, gingen wir zu Fuß vom Busbahnhof zum Hotel. Weil es doch schon recht spät war, sind wir abends dann nur noch was essen gegangen und sind von Copán schon allein dadurch sehr positiv überrascht worden. Während im Regelfall das Nahrungsangebot für Vegetareier in Honduras bis auf Pommes bei den Fast-Food-Ketten so gut wie nicht vorhanden zu sein scheint, konnten wir uns in Copán schon gegenüber vom Hotel den Bauch richtig vollschlagen. Das Restaurant welches von einer US-Amerikanerin geführt wurde glänzte mit gutem Essen und riesigen Portionen.
Glücklich und mit vollem Magen sind wir dann noch losgegangen und haben uns Abends noch ein bisschen die Stadt angeschaut. Dies scheint für deutsche Verhältnisse nichts besonderes zu sein, doch auch das ist für Honduras ziemlich ungewöhnlich, denn in den Städten wie Tegucigalpa und und San Pedro schließen fast alle Geschäfte um 8 Uhr und es wird dringend davon abgeraten, nach Einbruch der Dunkelheit ohne honduranische Begleitung raus zu gehen. Auch hier war Copán ganz anders. Die Souvinierhändler hatten bis spät Abends offen, viele Kneipen und Restaurants hatten offene Verandas und keinen Wachschutz. Copán würde ich somit wohl als sicherste Stadt in Honduras sehen, was wohl auch an dem immensen Touristenzulauf liegt.
Am nächsten morgen ging es dann früh los um die Ruinen zu sehen. Doch vorher wollten wir nochmal unser Glück mit dem Essen versuchen und sind diesmal leider auf die Nase gefallen. Eva hatte das Verlangen nach einem „ensalada de frutas“, doch leider war das Restaurant, welches zu einem Hotel gehörte, wohl eher auf Frühstücksmuffelige US-Amerikaner mit dickem Portemonnaie ausgelegt. Der Fruchtsalat bestand aus jeweils zwei Scheibchen von Papaya und 2 verschiedenen Melonensorten und auch die Baleadas für Sebastian und mich waren nicht sehr gut, aber dafür unverschämt teuer.
Vom Essen mal wieder frustriert ging es dann also zu den Ruinen. Leider ist der Eintritt zu den Ruinen von Copán ziemlich teuer – 15 Dollar pro Person ist für Honduras schon ein wirklich stolzer Preis, Allerdings werden von den Einnahmen auch weitere Ausgrabungen finanziert, was es einigermaßen wiedergutmacht. Die Anlange der Ruinen war sehr schön im Urwald gelegen, doch leider waren die Ruinen an sich nach den vielen Ruinen in Mexiko für uns nicht mehr sehr beeindruckend und vor allem kann es aus meiner Sicht nicht mit Palenqe nicht mithalten – trotzdem wars aber einen Besuch wert. Auch konnte hier mal wieder unser Reiseführer glänzen, denn der Autor hat sich mit der Geschichte und Kultur von Honduras wirklich ausführlich beschäftigt. (Wie in vorherigen Blogs beschrieben, ist er dagegen für das Reisen selbst leider nicht so gut geeignet, da der organisatorische Teil sehr ungenau und oft nicht mehr aktuell ist.)
Nach einigen Stunden Wanderung über die Ruinen gingen wir dann noch auf einen „Naturfad“, welcher für Eva zu einem Spießrutenlauf wurde, da in dem Wald, durch den dieser Pfad führte, teilweise das Wasser auf dem Boden stand und deswegen in diesem Regenwaldähnlichem Halbdunkeln die Mücken sehr gut gedeihen. Glücklicherweise (für Sebastian und mich) hat Eva anscheinend das Süßeste Blut und so waren die Mücken quasi alle hinter ihr her, während wir fast unbehelligt blieben. Insgesamt ist dieser Naturpfad eine sehr schöne Idee, aber leider kann man wegen dem Mückenproblem die zahlreichen, ausführlichen Hinweisschilder zur Flora und Fauna nicht mehr als im Vorbeigehen wahrnehmen.
Nachdem Sebastian dann seine Souviniereinkäufe bei den unzähligen Händlern vor den Ruinen getätigt hatte, sind wir dann zu einem Mittagsschlaf (Siesta :) ) ins Hotel gegangen und haben endlich mal wieder Zeit Internet (im Gegensatz zum Hogar gab es dies im Hotel sehr wohl) verbracht, um bisschen zu chatten und unsere Rückreise vorzubereiten.
Abends gingen wir dann noch einmal Essen und sind, gelotst von Sebastian (welcher schon mal mit seinem Onkel in Copán war), im Restaurant „ViaVia“ gelandet und schwebten danach seit langen mal wieder so richtig über den Wolken. Das Essen war so gut und so reichlich (und das zum selben Preis wie das mickrige Frühstück am Morgen), dass wir uns immer noch fragen, warum dieses Restaurant in unserem Reiseführer nicht positiv hervorgehoben wird. Der absolute Tipp als Nachtisch: Brownies mit Eis!
Danach ging’s mal wieder ein bisschen auf Souvenirjagd und als nach unserem Hunger auch diese Bedürfnisse befriedigt waren, konnten wir dann sehr glücklich Schlafen gehen.

Am Nächsten morgen sind wir dann nochmal bei „ViaVia“ frühstücken gegangen und wurden nach einem super Frühstück, dass nur dadurch ein wenig getrübt wurde, dass es so früh noch keine Brownies gab!
Dann sollte es eigentlich zum Geldautomaten gehen – da in Honduras nur eine Bank unsere Karten annimmt, waren sind wir hier im Gegensatz zu Mexiko ziemlich eingeschränkt! Leider war ausgerechnet der Bankautomat gerade dieser Bank kaputt und wir konnten kein Geld abheben.
Aus der Hoffnung, dass wir am Busterminal mit unseren EC-Karten irgendwie die Fahrt nach Hause per Kartenabbuchung bezahlen konnten, wurde auch nichts. Glücklicherweise hat Sebastians Onkel während seines einmonatigen Aufenthalts in einer Sprachschule in Copán Freundschaft mit seiner Lehrerin geschlossen, die uns nach einigem Herumtelefonieren abholen kam und uns ein bisschen Geld für den Bus zurück nach San Pedro vorstrecken konnte und uns somit ziemlich aus der Patsche half. Danke an dieser Stelle nochmal an Franz und seiner Lehrerin!

Zum Schluss lass ich noch eine Anmerkung von Eva kommen:
Das einzige, was uns in Copán dauerhaft auf die Nerven ging, waren die ganzen Touristen aus den USA – und das nicht nur aus dem Grund, dass Staaten-Englisch aus irgendeinem Grund extrem unangenehm anzuhören ist, wenn man längere Zeit lang nur Spanisch gewöhnt ist, sondern auch deswegen, weil sie durch die Bank nachlässigster Freizeitkleidung, sprich in schlabberigen Shorts, XXL-T-Shirts und Badeschlappen herumliefen – was in Honduras, wo sich selbst die Ärmsten noch stets die größte Mühe geben, wie aus dem Ei gepellt auszusehen (und Männer kurze Hosen maximal innerhalb der eigenen 4 Wände tragen), ungefähr so ein Stilbruch ist, als würde man im Bademantel durch eine deutsche Fußgängerzone spazieren. Darüber regten wir uns insgeheim genauso auf wie die Honduraner – obwohl es zugegebenermaßen schon ein bisschen arrogant ist, über andere Besucher des Landes so zu urteilen, nur weil wir hier arbeiten, unter Honduranern leben und ihre Sprache sprechen, anstatt nur Urlaub zu machen.

Dazu ist nur noch zu sagen das wir zwar faktisch Touristen in Honruas sind, jedoch durch den Kontakt mit den Menschen einen ganz anderen Eindurck vom Land gewinnen bzw. uns das zumindest einbilden. Aber sie hat auch recht, denn wenn man in ein fremdes Land fährt, welches offensichtlich ärmer als das Land, aus dem man kommt, sollte man zwar nicht unbedingt seinen Reichtum zur Schau stellen, aber sich in Shorts und XXL-T-Shirts zu präsentieren, kann auch als fehlenden Respekt gegenüber der anderen Kultur interpretiert werden (und ist auf jeden Fall ein Zeichen dafür, dass man sich mit dieser Kultur vorher nicht ausreichend auseinander gesetzt hat) – die Honduraner jedenfalls empfinden es so, auch wenn sie viel zu höflich sind, um es einem solchen Touristen gegenüber jemals zuzugeben.

…wo sind wir denn hier?

Jetzt, wo wir schon quasi gar nicht mehr da sind, wollen wir euch noch mal mit ein paar interessanten Informationen über Honduras versorgen, damit ihr „dort drüben über‘n Teich“ mal ein Gefühl für dieses Land bekommt, das jetzt 3 Monate lang unser Zuhause war. Natürlich haben wir unsere persönlichen Erfahrungen dabei mit ein paar wissenswerte Zahlen und Fakten aus unserem allwissenden Reiseführer untermauert – da der von 2008 ist, sind alle folgenden Zahlen dementsprechend auch aus diesem Jahr.

Um mit dem Grundsätzlichen anzufangen: Honduras liegt ziemlich genau in der Mitte von Mittelamerika (nennt sich deswegen auch gerne selber „el corazón de América“ – „das Herz Amerikas“), hat eine Fläche von 112.493km² und liegt klimatechnisch in den Tropen, was wiederum bedeutet, dass die Tagestemperaturen stark schwanken, die Durchschnittstemperatur im Jahresverlauf jedoch fast konstant und nie unter 18°C liegt. Dies ist die Vorraussetzung für tropischen immergrünen und halbimmergrünen Regenwald, der ursprünglich das ganze Land und jetzt nur noch einen Teil davon überziehen. Es gibt zwei Jahreszeiten: Trockenzeit und Regenzeit, die je nach Region unterschiedlich lange dauern. Von diesen Regionen gibt es grob gesehen 3 – das zentrale Hochland (das 82% der Landesfläche ausmacht und in dem sich auch der Hogar San Rafael befindet) sowie das karibische und das pazifische Tiefland. Der höchste Berg Honduras‘ ist der Cerro las Minas mit 2849m Höhe, der längste Fluss ist der Río Patuca von 340km Länge. 5,5% des Landes sind Naturschutzgebiete. Zu den zahlreichen Mikroklimazonen des Landes gehören unter anderem die Kiefernwälder des Hochlandes (in denen sich der Hogar befindet), Bergnebelwälder, Regenwälder (und mit der Miskitia im Osten das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet Mittelamerikas), Feuchtsavannen, Mangrovensümpfe, Trockenwälder, Trockensavannen, Lagunen sowie Korallenriffe. Diese facettenreichen Ökosysteme bieten unzähligen (auch vielen vom Aussterben bedrohten) Tieren und Pflanzen Lebensraum – etwa Gürteltieren, Faultieren, Ameisenbären, Tausendfüßlern, Vogelspinnen (deren Bisse entgegen aller Vorurteile aber nur etwa die Wirkung von Bienenstichen haben), Skorpionen, Quallen, Krebsen, Hummern, Riff- und Walhaien, Schildkröten, Leguanen, Krokodilen, Basilisken, Seekühen, unzähligen Schlangenarten, Königsgeiern, Vampirfledermäusen, dem Quetztal-Vogel, Kolibris, Eisvögeln, verschiedenen Raubkatzen-, Beuteltier- und Affenarten, Fledermäusen und auf Seite der Pflanzen eine große Artenvielfalt von Orchideen (der Nationalblume von Honduras), vielzählige Aufsitzerpflanzen, Louisiana-Moos (eine fusselige graugrüne Pflanze, die sich mit großer Vorliebe auf Stromleitungen ansammelt) sowie zahlreiche Nutzpflanzen wie etwa Baumwolle, Kautschuk, Kaffee, Kakao, Bananen, Avocado, Papaya, Mango, Wassermelone, Kokus, Guanabana, Maracuya, Tamarinde usw. Einige dieser Arten sind so selten, dass sie tatsächlich nur in Honduras vorkommen.

Honduras hat 7,6Mio Einwohner, mit einer Bevölkerungsdichte von circa 60 Menschen pro km², von denen etwa 53% auf dem Land leben. Die Landessprache ist Spanisch, daneben werden aber auch noch indigene Sprachen gesprochen. Die größten Städte sind die Hauptstadt Tegucigalpa (1Mio Einwohner), San Pedro Sula (600.000) und La Ceiba (150.000) – ein honduranisches Sprichwort sagt, in Tegucigalpa arbeiten die Leute, in San Pedro verdienen sie ihr Geld und in La Ceiba geben sie es aus.

Nachdem das heutige Honduras schon seit etwa 12.000 Jahren (nicht etwa erst seit der „Entdeckung“ durch die Spanier im 16. Jahrhundert) von Menschen besiedelt ist, sind heute mit 90% die größte Bevölkerungsgruppe die sogenannten Mestizen (Nachfahren der Mischlingen von Mayas und spanischen Eroberern – mir ist trotz langen Überlegungen kein weniger rassistisch klingender Weg eingefallen, dieses Wort zu erklären, das eigentlich schon an sich einen Rassismus als Grundlage hat), dazu kommen mit etwa 2% Anteil an der Gesamtbevölkerung die Garífunas (spanisch sprachige farbige Kariben) und eine ganze Reihe indianischer (oder politsch korrekter: indigener) Gemeinschaften der inídgenas wie den Miskito, den Sumu Tawahka, den Pesch, den Lenca, den Chortí, den Jicaque oder Tolupane etc., die alle in verschiedenen des Landes leben, einige von ihnen mitten im unzugänglichen Regenwald im Osten Honduras. Diese indigenen Gemeinschaften haben feine lange Leidensgeschichte hinter sich, angefangen bei der Unterdrückung durch die eindringenden Spanier und verheerende, durch diese Eroberer eingeschleppte Masern- und Grippenepedemien, gefolgt durch katholische Missionierung und die Versklavung durch die Engländer und schließlich mündend in die politische Unterdrückung der indígenas im 20. und 21. Jahrhundert, was schlechte soziale und gesundheitliche Versorgung der Gemeinden, Arbeitslosigkeit sowie mangelnden oder keinen Zugang zu Bildung (im Falle der Sumu Tawahka etwa sind 96% der Männer und alle Frauen Analphabeten) zur Folge hat und wogegen die mittlerweile zahlreichen indigenen Verbänden nach wie vor vehement protestieren.

Die Währung Honduras ist der Lempira, ein Lempira ist etwa 4 Eurocent wert, 25 Lempira entsprechen einem Euro. 100 Centavos ergeben einen Lempira, diese Münzen sind jedoch relativ selten, weil sie einen so niedrigen Wert haben, dass sie kaum benutzt werden – dementsprechend läuft man in Honduras immer mit einem dicken Geldbeutel voller bunter, abgegriffener Scheine herum, die insgesamt jedoch selten mehr als 10 Euro wert sind. Dafür kann man sich immer wieder über die Angewohnheit einiger Vorbesitzer der Geldscheine amüsieren, die Einkaufsliste gleich auf dem dafür vorgesehenen Geld zu schreiben.
40% der Erwerbspersonen sind arbeitslos oder unterbeschäftigt, von den 60% der Erwerbstätigen verdienen die Meisten nur den Mindestlohn von umgerechnet etwa 100 US-Dollar (1.800 Lempira, also rund 72 Euro). In Honduras leben zwischen 35 und 40% der Bevölkerung unter der absoluten Armutsgrene, haben also weniger als umgerechnet einen US-Dollar (18 Lempira) pro Tag zur Verfügung und gelten damit nach UNO-Definition als extrem arm. 60% der Bevölkerung gelten als relativ arm, verdienen also weniger als die Hälfte des nationalen Durchschnittseinkommens. 1,5Mio Menschen in Honduras hungern, 800.000 Kinder sind fehl- oder unterernährt.
Das Bruttoinlandsprodukt verteilt sich sehr ungleich. Die schmale Oberschicht von etwa 100.000 Honduranern häuft durch politischen und wirtschaftlichen Einfluss und Großgrundbesitz Vermögen an. Die dünne Mittelschicht von etwa 300.000 Honduraner besteht aus Angestellten in der Stadt, Arbeitgebern in Kleinbetrieben oder Besitzer von Viehzuchtbetrieben und können sich eine Mehr-Zimmer-Wohnung sowie ein Auto leisten. Alle anderen gehören zur Masse der Armen – eine Ungerechtigkeit, die zumindest die armen Bauern auf dem Land, die campesinos, ein wenig abfedern können, indem sie Subsistenzwirtschaft betreiben, also die Grundnahrungsmittel wie Reis, Bohnen, Mais und Maniok für den Eigenkonsum anbauen und trotz unproduktiver Anbauweisen und schlechtem Ackerland so überleben können.
Diese verzweifelte Lage der Armen hat auch mit der außenwirtschaftlichen Orientierung Honduras zu tun, die sich, durch die wirtschaftlich einflussreiche Oberschicht geführt, auf den Export anstatt auf die Eigenversorgung der Bevölkerungsmehrheit konzentriert. Wertvolles Ackerland wird dem Anbau von Grundnahrungsmitteln für die Bevölkerung zugunsten der Produktion von Exportmitteln entzogen. Die wichtigsten Exportprodukte Honduras‘ sind: Bananen, Kaffe, Rindfleisch und Schalentiere, sowie Kleidung als vorherrschendes Industrieprodukt.

Offiziellen Statistiken zufolge sind 97% der Honduraner katholisch, auch wenn der tatsächliche Anteil weit darunter liegen dürfte, da schon laut einer Umfrage 2005 nur 50% eine katholische Kirche besuchen. Insbesondere in den von extremer Armut betroffenen Bevölkerungsteilen haben neu-protestantische Kirchen großen Zulauf. Diese sind keinesfalls mit der evangelischen Kirche in Deutschland gleichzusetzen – meistens handelt es sich dabei um fundamental-religiöse Sekten, nicht wenige davon ultra-konservativ und finanzkräftig von den USA unerstützt, wie etwa die Methodist, Church of God, Seveth Day Adventist oder Assemblies of God. Die Führer dieser Kirchen lassen sich meist in abgelegenen Gemeinden nieder – wie etwa in El Venado in unserer direkten Nachbarschaft – und bieten mit Hilfe eines riesigen Aufgebots an Lautsprechern und hetzerischen Reden Konkurrenzveranstaltungen zu den Gottesdiensten und Feierlichkeiten der katholischen Gemeinde an, was leider großen Zulauf findet, wie wir selber schon bei Besuch eines Gottesdienstes in El Venado beobachten konnten. Andere sich ausbreitende Gruppen sind aber auch Scientology und die Zeugen Jehovas. Erst letzte Woche hatte ich im Bus ein ziemlich anstrengendes Streitgespräch mit einem Vertreter der Zeugen, der mir zum Schluss, als ich schließlich aussteigen musste, zu meiner Belustigung versicherte, wenn ich mich in Deutschland an einen Vertreter der Zeugen Jehovas wenden würde, der mir das Ganze in meiner Sprache erklären könnte, bestände durchaus noch Hoffnung für meine arme Seele.
Da die Angehörigen der schmalen Ober- und Mittelschicht und somit auch die Mächtigen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die die Geschicke des Landes bestimmen, quasi ausnahmslos Katholiken sind, ist die herrausragende Stellung der katholischen Kirche in Honduras dennoch nach wie vor ungebrochen. Das zeigt vor allem auch in den vielen Festlichkeiten etwa zur Osterwoche, zu der in vielen Städten aufwendige Prozessionen durchgeführt werden.

In Honduras liegt die Lebenserwartung inzwischen immerhin bei bis zu 71 (Frauen) und 67 (Männer) Jahren. Die Säuglingssterblichkeit ist mit 25 pro 1000 Geburten jedoch nach wie vor hoch. Fast die Hälfte der Honduranischen Bevölkerung leidet an Fehl- und Unterernährung. Das führt vor allem bei den zahlreichen Kindern zu schwerwiegenden und nicht wieder aufholbaren Schäden in der körperlichen und seelischen Entwicklung.

Das Gesundheitswesen in Honduras ist bestenfalls als löcherig zu bezeichnen, vor allem auf dem Land fehlt es an allen Ecken. Hier sind die Menschen meist auf Gedei und Verderb auf die unregelmäßig auf die größeren Gemeinden verteilte,n schlecht ausgestatteten Hospitäler oder Gesundheitszentren (in El Venado ist das nächste von uns aus gesehen, dort versorgen zwei Krankenschwestern alle Leute des Umlandes) angewiesen, in denen gut ausgebildetes Personal absolute Mangelware ist, spezielle Medikamente völlig fehlen und man für eine Operation wochen- und monatelang auf eine Warteliste gesetzt wird. Nur etwa 6% der Bevölkerung haben eine offentliche Krankenversicherung. In den größeren Städten gibt es für alle, die es sich leisten können, ärztliche Versorgung in privaten Praxen und Krankenhäusern, der Gipfel des Luxus ist es jedoch, für eine Behandlung in die USA oder nach Kuba zu fahren.

Etwa 80% der Honduraner können lesen und schreiben, der Anteil der Analphabeten ist jedoch auf dem Land und unter den indigenen Bevölkerungsgruppen sehr viel höher. Das konnten wir auch bei unseren Hausbesuchen bei den Schulkindern feststellen, deren Eltern zumeist entweder gar keine oder nur ein- oder zwei Jahre Grundschulbildung genossen hatten und deswegen ihren Kindern nicht bei den Hausaufgaben helfen konnten oder, noch schlimmer, den Sinn und Zweck von Schule und Hausaufgaben gar nicht erst begreifen wollten. Dementsprechend schlecht steht es um die allgemeine Schulbildung der Kinder in Honduras: Nicht einmal die Hälfte der Schüler schließt die 6-jährige Grundschulausbildung ab, nur 24% gehen auf die weiterführende Gesamtschule und nur 15% können die Universität besuchen. Obwohl der Besuch der rund 8000 staatlichen Grundschulen kostenlos ist, können es sich viele Eltern der armen Landbevölkerung aufgrund der Kosten für Schulmaterial und Schuluniform (in der Regel bestehend aus dunkelblauer Hose / Rock und weißem Hemd) nicht leisten, ihre Kinder zur Schule zu schicken, zumal diese auch zu Hause als Arbeitskräfte gebracht werden, weswegen gerade zur Erntezeit die Zahl der Schulschwänzer sprunghaft anzusteigen pflegt. Zudem ist die Lernsituation gerade auf dem Land in den staatlichen Schulen katastrophal – es unterrichten überwiegend unterbezahlte Lehrer ohne spezielle Ausbildung vor Klassen von zum Teil über 40 Kindern und in allen Jahrgänge. Gerade auf dem Land sind die Schulen chronisch unterbesetzt, weil niemand bereit ist, für den geringen, vom Staat garantierten Mindestlohn (5.000 Lempira – umgerechnet etwa 200 Euro) in den oft nur zu Fuß zu erreichenden, von jeder Infrastruktur abgeschnittenen Bergdörfern zu unterrichten. Diese reellen Probleme treffen auch auf die Schule im Hogar zu, da diese ja ebenfalls vom Staat getragen wird, der wie überall auch hier für rund 100 Kinder in 6 Jahrgangsstufen nur 3 Lehrerstellen bewilligt.

Wie alle Lateinamerikaner sind auch die Honduraner unglaublich Musikbegeistert, und zwar in jeder Hinsicht und jeder Stilrichtung. Mit einem angeborenen Rythmusgefühl, über das ein Deutscher nur staunen kann, fangen bei jeder sich bietenden Gelegenheit von den Kleinsten bis zu den Greisen alle an, frei Schnauze zu tanzen und laut mitzusingen. Ein vor allem auf den Straßen in den Stadtzentren findet sich ein traditionelle Instrument Honduras‘, die Marimba, eine Art riesiges Holzxylophon, das so groß ist, dass es von mehreren Spieler gleichzeitig gespielt werden kann. Außerdem gibt es, wie schon in Mexiko die Mariachis, kleine Combos, die mit Gitarre, Akkordeon und romantischem Tenorgesang in der Fußgängerzone oder in Restaurants für Stimmung sorgen. Besonders populär und typisch für Honduras ist die schnelle, rythmische Punta-Musik der Garífunas, die vor allem mit Trommeln, Rasseln und verschiedenen Schlaginstrumenten, aus Schildkrötenpanzern, getrockneten Kürbissen oder großen Meerschnecken gespielt wird – darin sind auch die Garífunas aus dem Hogar, vor allem Mario, besonders begeistert, und immer wenn sich die Gelegenheit dazu gibt, legt er auf der Trommel los und macht ordentlich Stimmung. Aber auch andere lateinamerikanische Stile wie Merengue, Salsa und selbstverständlich Raggeaton (ja, davon ist leider auch Honduras nicht verschon geblieben) aber auch die aktuellen Hitlisten aus den USA, und dabei vor allem Songs von Shakira, dröhnen überall aus den Lautsprechern in den Läden, auf dem Mercados und in den Bussen, Motorradrikschas und Sammeltaxis.

Das Bevölkerungswachstum in Honduras liegt bei (aus Deutscher Sicht) sagenhaften 2% im Jahr, weswegen gut die Hälfte der Honduraner unter 16 Jahre alt ist. Hochschwangere Frauen, Säuglinge und Kinder sieht man hier überall und zu jeder Tageszeit, schon kleinste Kinder werden nahtlos in den Alltag integriert, auch erst wenige Tage alte Säuglinge werden überall hin mitgenommen – sei es zum Einkaufen, in die Kirche, zum Elternabend der Schule oder zu Festlichkeiten in der Gemeinde. Das muss auch so sein, denn in Honduras bekommt jede Frau im Schnitt zwischen 3 und 4 Kindern, und auf dem Land zum Teil noch bedeutend mehr – so haben wir allein im Hogar schon 3 Gruppen von 3 oder 4 Brüdern, Angelo hat neben seinen beiden Brüdern, die auch im Hogar leben, noch 6 weitere Geschwister, und auch nicht wenige der Kinder der Schule haben zwischen 5 und 7 Geschwistern. Dabei bekommt jede vierte Frau ihr erstes Kind noch vor Vollendung des 19. Lebensjahres, und nicht wenige davon sind erst 12 oder 13 Jahre alt – was nicht zuletzt auch darauf zurück zu führen ist, dass das Thema Sex und Verhütung noch immer in den meisten Familien ein absoluten Tabuthema ist und junge Mädchen, wenn sie den Mut aufbringen, Fragen zu stellen, sich eher eine Ohrfeige als wirkliche Hilfe einhandeln. Fehlende Bildung, mangelnde Aufklärung und fehlender Zugang zu Verhütungsmitteln führt dazu, dass viele junge Frauen alleinerziehend und in bitterer Armut und gesellschaftlich geächtet für ihre Kinder sorgen müssen.
Hinzu kommt der Machismo der Männer, die sich oft genug ihr Recht zum sexuellen Verkehr herausnehmen, der Frau jede Selbstbestimmung entziehen, ohne jedoch die Konsequenzen zu tragen. Zudem ist die Abtreibung in Honduras nach wie vor illegal ist, die trotzdem unprofessionell durchgeführten Schwangerschaftsabbrüche führen nicht selten zum Tod der Frau. Aus diesem Grund greifen viele Frauen, vor allem auf dem Land, zu drastischen Methoden – die Sterilisierung ist die häufigste Form der Verhütung. Nicht nur die unerwünschte Schwangerschaft, sondern auch die Übertragung des HIV-Virus ist in den letzten Jahren durch das rücksichtslose Verhalten der Männer zu einem großen Problem geworden. Nach offiziellen Angaben sind 2% der Bevölkerung (nach realistischeren Schätzungen jedoch eher zwischen 4 und 6%) sind mit dem Aids-auslösenden HI-Virus infiziert, zusätzlich gibt es rund 17.500 Aidswaisen – damit ist Honduras das am stärksten von Aids betroffene Land Mittelamerikas.
Nichtsdestotroz wird das polygame Verhalten der Männer im ganzen Land weitgehend toleriert: ¼ der Bevölkerung lebt in ehelosen Lebensgemeinschaften, was meistens bedeutet, dass der Mann zahlreiche Nebenfrauen hat und mit diesen nicht selten mehrere Kinder zeugt. So müssen 20% aller Frauen allein, ohne staatliche oder private Unterstützung für den Unterhalt der Kinder sorgen. Dadurch entsteht eine Doppelbelastung, da sie neben dem Haushalt und der Kinderbetreuung auch noch arbeiten müssen, obwohl ihr Einkommen meist deutlich geringer ist als das der Männer und vor allem in den Maquilas (Fabriken der Kleidungsproduktion) Schwangerschaft meist Jobverlust bedeutet. Das diese unzumutbare Belastung unweigerlich auf Kosten der Kinder geht, zeigt drastisch das Beispiel von Lesther, eines der Jungen des Hogars und Bruder von Angelo. Seine Mutter betreute neben ihren eigenen 10 Kindern noch 3 Kinder ihrer Schwester und versuchte, ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von selbstgebackenem Brot zu erkämpfen. Um genug Brot produzieren zu können, band sie den kleinen Lesther schon kurz nach seiner Geburt in einer kleinen Holzkiste fest, damit er sich nicht losstrampeln konnte, da sie neben ihrer Arbeit keine Zeit hatte, auf ihn aufzupassen. Als Lesther vor einigen Jahren mit etwa 11 Jahren zusammen mit drei seiner Geschwister in den Hogar San Rafael kam, konnte er kaum laufen, bewegte sich nur auf allen vieren voran und konnte nicht sprechen. Heute ist Lesther 15, er kann dank hingebungsvoller Fürsorge der Erzieher aufrecht laufen, mit Besteck umgehen und einige Worte sagen, er lacht viel und wirkt glücklich. Dennoch ist er geistig behindert, kann sich kaum verständigen, ist nach wie vor in seinen motorischen Fähigkeiten stark beeinträchtigt und wird es sein Leben lang schwer haben, sich irgendwie durchzuschlagen – und wenn man seine Geschichte kennt, fragt man sich unweigerlich, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn er von Anfang an die Fürsorge bekommen hätte, die jedes Kind verdient.
Trotz den Schatten, die der Machismo nach sich zieht, werden nach wie vor schon Kleinkinder sogar noch viel mehr als in Deutschland, in die spezifischen Geschlechterrollen gezwängt. Kleine Mädchen bekommen schon wenige Wochen nach der Geburt Ohrringe gestochen, werden vom Säuglingsalter an (sofern die Familie es sich leisten kann) wie Puppen in rosafarbene, mit Rüschen besetzte Kleidchen gesteckt, tragen viel häufiger Röcke und Kleider als in Deutschland und so gut wie nie feste Schuhe, sondern überwiegend möglichst mit Strass besetzte Sandalen und viel zu früh hohe Absätze. Für Mädchen und Frauen gilt es vor allem auf dem Land noch als unumstrittenes Schönheitsideal, die Haare so lang wie möglich zu tragen – so unpraktisch das bei der schlechten hygienischen Situation auch sein mag. Tatsächlich lassen sich viele Frauen nur einmal im Jahr die Haare um ein paar Millimeter schneiden, und zwar genau 6 Monate vor Weihnachten am 24. Juni, dem Día de San Juan (Sankt Johannes), da dann die Haare schneller nachwachsen sollen – am selben Tag bescheidet man übrigens auch Obstbäume, damit sie im nächsten Jahr mehr Früchte tragen. So gut wie keine honduranische Frau kann Auto fahren, das ist Männersache – da machen nicht einmal die sehr emanzipierten Erzieherinnen des Hogars eine Ausnahme, für Fahrten in die Dörfer oder hinunter in die Stadt muss immer Marvin, der Lehrer Fredy, der Erzieher Geovanni oder Rapha als Fahrer herhalten. Auch sind nur 7% der Abgeordneten und Bürgermeister sind weiblich.
Laut dem Gesetz sind Frauen und Männer in Honduras gleichberechtigt, die Realität sieht anders aus.

Trotz allem brauchen die Honduraner, wenn man sie erst mal selber trifft, meist nicht lange, um Herzen im Sturm zu erobern. Das mag an ihrer für europäische Verhältnisse unbegreiflichen Ruhe und Gelassenheit liegen, die sie jede Unannehmlichkeit, bei der ein Deutscher unweigerlich an die Decke gehen würde, etwa Stromausfälle, fehlendes Wasser, den ausfallenden 10-Uhr-Bus und die Fahrt im dadurch heillos überfüllten nächsten Bus um 2 Uhr einfach mit einem Schulterzucken und einem gleichgültigem Lächeln hin. Wenn es dagegen einen Grund zur Freude gibt, und sei es nur die persönliche Lieblingsmahlzeit oder eine Fahrt auf der Ladefläche des schicken neuen Pickups, wird dies vor allem von den Jungs des Hogars mit ausgelassenem Freudengeschrei, Fußgetrampel und Pfeifen quitiert, wie man es in Deutschland maximal im Fußballstadion finden mag. Diese grundpositive Einstellung der Leute hier einfach allem gegenüber macht das Leben unter Honduranern zu einer wunderbaren Erfahrung. Zudem sind Honduraner einfach unglaublich fürsorglich und gastfreundlich – so wird jeder Schnitzer in der Spanischen Sprache mit einemgutmütigen Lächeln hingenommen; als uns in den ersten Tagen unsere Sachen fehlten und ich schon in Raphas Klamotten herumlief, bot mir die Erzieherin Nora, obwohl sie mich gar nicht kannte, sofort an, mir ihre Kleidung zu leihen; bei Festen werden wir als Ausländer immer als erstes besonders gründlich bewirtet; in jeder der bitterarmen Familien, die wir in den letzten Wochen besuchten, wurde sofort von irgendwoher eine Sitzgelegenheit für uns herangeschafft; die Köchin Alejandrina zweigt für mich, weil ich mal erwähnt habe, dass ich ihr süßes Frühstücksgebäck besonders gerne mag, immer mal wieder eine Extra-Macheteada ab und als der Erzieher Geovanni eines Mittags merkte, dass für uns Vegetarier nichts zum Essen dabei war, stellte er sich ohne ein Wimpernzucken sofort selber an den Herd um uns persönlich etwas zu kochen. Gegenüber dieser ungewohnten, fast mütterlichen Fürsorge von allen Seiten fühlt man sich als Europäer manchmal direkt ein bisschen hilflos. Außerdem neigen Honduraner, vor allem in Briefen und Mails, zu einer sehr blumigen, poethischen und ausgiebig mit christlichen (und dabei durchaus ernst gemeinten) Floskeln versehenen Redeweise – „Möge deine Familie durch Gottes Barmherzigkeit gesegnet werden“ am Ende einer Mail zum Beispiel klingt hier nicht etwa schrullig, sondern gehört zum guten Ton. Was noch ein sehr markanter Unterschied von Honduranern im Vergleich zu Deutschen ist, ist das unstillbare Bedürfnis von Honduranern nach Kommunikation und sozialer Nähe. So halten sie es zum Beispiel nicht aus, im Bus einfach still neben einem Fremden zu sitzen, ohne sich mit ihm zu unterhalten – was einen als Europäer anfangs ein wenig überrumpeln und sogar misstrauisch machen kann (wie etwa die alte Frau, mit der Rapha und ich uns gleich am erste Tag in Honduras fast eine Stunde lang unterhielten, während wir am Flughafen darauf warteten, abgeholt zu werden), ist jedoch durchaus sehr sympathisch, wenn man sich mal dran gewöhnt hat. Dieses Bedürfnis nach sozialem Kontakt ist wohl auch der Grund, warum es Honduraner schaffen, mit einfachen Mitteln aus der kleinsten Angelegenheit (einem Geburtstag, Muttertag oder der Abschied von zwei gewissen Freiwilligen) eine Party zu machen, bei der es auf jeden Fall immer für alle etwas zu essen, Eis oder Kuchen und Limonade gibt- und außerdem, wenn die Zeit dazu bleibt, Spiele, fröhliche Punta-Musik und die Gelegenheit zum Tanzen – fast nie dagegen Alkohol (zumindest gilt das für den Kreis der Mitarbeiter des Hogars). Insgesamt sind die Menschen hier einfach unglaublich freundlich und warmherzig, und wir wissen jetzt schon sicher, wie schwer es uns fallen wird, diese neuen Freunde am Ende der Woche zu verlassen.



Referer der letzten 24 Stunden:
  1. google.com (4)